Mitglieder
Home

Aktuell
Termine
KB - Tübingen
Edition

Historie
Archiv
Presse

Kontakt
Mitgliedschaft

Links
Malte Dickmann

"Er [der gefundene Gegenstand] war es ohne jeden Zweifel, obwohl er in allem anders aussah, als ich ihn mir vorgestellt hatte."
André Breton

Thema meiner aktuellen Arbeit ist die Eigenschaft des Menschen zwischen Realität und Möglichkeit zu unterscheiden. Diese Eigenschaft befähigt ihn eigene Möglichkeiten zu entwickeln und letztlich sich selbst zu entwerfen.
Ich möchte den Menschen in Momenten der offenstehenden Möglichkeiten, der Unbegrenztheit vor dem Handeln, welches selbst verantwortlich ist und die Möglichkeit in Realität überführt, beobachten und erforschen.
In diesen Momenten wird die Spannung zwischen Realität und Möglichkeit als Spannung zwischen innen und außen sichtbar. Gerade in diesen Momenten empfinde ich den Mensch als Mensch und glaube, ihn zu erkennen.
Aus dem Zeichnen als Zentrum meiner Arbeit werden auch plastische und insbesondere szenische Arbeiten entwickelt.

Anstoß dazu gab die beiliegende Bleistiftskizze einer stehenden Figur. Ihr Blick ist nach oben vorne gerichtet. Sie scheint etwas Äußeres konzentriert wahrzunehmen. Ihre Arme hängen untätig herab, Zeigefinger und Daumen der linken Hand jedoch berühren sich und reiben vielleicht aneinander. Diese Geste des Herausspürens mittels dieser zwei Finger deutet auf hohe Konzentration hin, vielleicht auf ein Abwägen oder einen inneren Widerstreit. Es ist der Moment, bevor man einen Schritt setzt oder – abstrakter – eine Entscheidung trifft, und damit offenbar ein Moment höchster Spannung zwischen innen und außen. Es erinnert an das Sich-auf-die-Lippen-Beißen, um nicht voreilig zu formulieren, was noch keine angemessene Form gefunden hat.

Weitere Überlegungen:

Woher kommt diese äußerste Spannung zwischen innen und außen, zwischen Ich und Gegenstand in diesen Momenten? Besteht sie darin, dass hier, obwohl – wie wir wissen – die Dinge ständig im Fluss sind und sich also verändern, etwas Äußeres beobachtet oder unter einem anderen Blickwinkel gesehen wird, etwas, von dem ich ahne, dass es diesmal auch mich entscheidend verändern wird? (Die Figur scheint sich im Reiben von Daumen und Zeigefinger, in diesem Moment, da etwas verunsichernd in Bewegung gerät, ihrer selbst zu versichern.) Bin ich dabei passiv, wie es meine Formulierung nahe legt, dann könnte man davon sprechen, dass mir eine Offenbarung zuteil wird oder das Schicksal seinen Lauf nimmt. Betrachtet man es als aktiven Vorgang, spräche man beispielsweise von Selbstverwirklichung, zu der ich mich anschicke, oder wirken hier innen und außen zusammen? Ist es eine Empfänglichkeit, ein Wachsen? Ist es eine Art Figur-Grund-Angelegenheit (die beiden zum Greifen wichtigsten Finger greifen ohne Gegenstand), ein Flow-Zustand, bei dem ich ganz im Gegenstand der Beobachtung aufgehe? Ist es das, was man ‚Idee‘ nennt, was hier einen körperlichen Ausdruck findet, in der sich eine begreifbare Form mit größeren Zusammenhängen verbindet?

Breton definiert ‚Zufall‘ im Zusammenhang mit dem Fund als obskurem Objekt der Begierde als ‚Zusammentreffen einer äußeren Kausalität mit einer inneren Finalität‘, also eines äußeren Anstoßes mit so etwas wie einer inneren Bestimmung oder einem unter- oder vorbewussten Willen:
„Er [der gefundene Gegenstand] war es ohne jeden Zweifel, obwohl er in allem anders aussah, als ich ihn mir vorgestellt hatte.“

Man kann etwas über das Ich erfahren, wenn man darüber nachdenkt, was man als zufällige Begegnung in seinem Leben bezeichnet.

Tendenz: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. ? Autobahn ist natürlich gemeint. Man fährt auf Autobahnen schnurgerade durch Landschaften (schnell). Man kennt das Ziel, man kann absehen, wo die Fahrt endet, weil man absichtsvoll handelt. Bürofenster in amerikanischen Großstädten, die die Nacht über erleuchtet bleiben, um den Eindruck von ständiger Betriebsamkeit zu erwecken, sind Blüten, die diese Tendenz treibt, wenn sie zur Gesinnung geworden ist. Diese Gesinnung in Verbindung mit dem Abnehmen technischer Grenzen, der Zunahme des technisch Machbaren stellen uns immer rascher vor immer ungeheuerlichere Fragen, dass uns noch bange wird. Man denke an die Gentechnik. Und „wenn man erst mal einen schönen großen Hammer hat, sieht man plötzlich überall Nägel“ (Robert Kagan, im SPIEGEL Nr. 12, 2003). – Römerstraßen.

Wenn wir Wege nicht mehr nur als Autobahnen begreifen würden.

Woher kommt das besondere Befinden, wenn man sich in einer Landschaft bewegt, abseits der Straßen? Ist es nicht, dass gerade jetzt jetzt ist, und hier hier, und dass, wenn ich die Wurzel, die Unebenheit unter meinen Füßen spüre, ich mich spüre, und dass dann alles Andere alles Andere ist. Zwischen zwei Dingen wird die Spannung, je klarer sie sich unterscheiden, desto größer, eben spannender.

Muße, das tätige Nichtstun, Zeit der Besinnung auf das eigene Selbst. In ihr wirkt der Widerstand des Menschen gegen die Gefahr, zum reinen Funktionär der Arbeitswelt zu werden. Muße ist unentbehrlich für eine sinnvolle menschliche Existenz und damit Grundlage einer wahren Kultur. Dies findet u.a. seinen Ausdruck darin, dass die Stätte des Lehrens und der Menschenbildung lat. schola (von grch. schole „Muße“) heißt.

Können wir Haltungen und Herangehensweisen entwickeln, solche Momente herbeizuführen und zu nutzen? Offenheit kann hier nur so etwas bedeuten wie: das Außen in subjektiver Gänze wahrzunehmen, sich zu besinnen. ... ... spielerischer Umgang mit allen uns dann zur Verfügung stehenden Elementen, freies Spiel, Freiheit.

Kann ich wissen, was ich will? – Wenn die Zeit reif ist … / Wenn alles andere reif ist ... / Wenn alles andere es weiß ...

Paradoxerweise liegen in diesem Moment das Auseinanderhalten von Ich und dem Anderen und der Flow des ganz ineinander Aufgehens von Ich und dem Anderem so dicht beieinander, dass sich Grenzen verwischen.
Ein Moment der Anarchie, in dem sich Dinge neu zueinander fügen können: Alles scheint möglich!

Noch mal paradox: Könnte man sagen, wenn man ganz man selbst ist, „ist man auch alles andere“, dass man, wird man selbst am Anderen spürbar, so allem anderen auf die Spur kommt? Das Erkenne-dich-selbst taucht wieder auf.
   
1968
geboren in Wehr/Bd.

1988-95
Studium an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Prof. Baumgartl und Prof. Michou und an der Kunstakademie Prag bei Prof. Sejn

1995-97
Studium des Verbreiterungsfaches Bildende Kunst/ intermediales Gestalten

seit 1999
Kunsterzieher am Carlo-Schmid-Gymnasium Tübingen

Kontakt:
0711/2562674
madickma@web.de
zurück
print